Eröffnungsrede zur Ausstellung der Hegenbarth-Stipendiaten von Johannes Schmidt, Kustos Städtische Galerie Dresden

Lutz Bleidorn knüpft mit seiner feinsinnigen Malerei und besonders mit seinem sensiblen Farbgefühl im besten Sinne an hiesige Maltraditionen an. Er orientiert sich zumeist an  landschaftlichen Situationen - oft solchen aus seiner alten Heimat Rendsburg in Schleswig-Holstein. Seine Bilder wachsen in aufwendigen Schichtungen, mit flüssigem bis pastosem, gespachtelten Farbauftrag.
Sein Pinselstrich wechselt zwischen Linie und breiten Schraffuren, zwischen Modellierendem und Lasierendem. Er bezieht auch den kontrollierten Zufall mit ein, wenn er Farbspritzer aufbringt oder Partien so trocken und schwungvoll übermalt, dass in den Farbtälern das Darunter hervorleuchtet.  Mit Pinsel, Spachtel, der Farbtube und direkt mit den Fingern bewegt er sich mitunter wie im Rausch über den Bildgrund. Zusammengenommen erzeugt diese Vorgehensweise äußerst bewegte Oberflächen und eine sehr sinnliche, geradezu haptische Malerei.

Am Anfang von Lutz Bleidorns Arbeit stehen oft Fotografien, die er auf Reisen aufnimmt, um Eindrücke von Orten festzuhalten, mit denen sich für ihn persönliche, oft bis in die Kindheit zurückreichende Erinnerungen verbinden. Zumeist sind dies keine spektakulären Orte, sondern Naturschauplätze, die oft durch ihre Lichtsituationen besonders erscheinen.  Er benutzt die Erinnerung, die gefühlsmäßige wie die Erinnerung an Ereignisse und Orte, als eine Art Filter. Malend kann er sich so von der Unmittelbarkeit eines fotografischen Bildes entfernen.  Direkt mit Fotovorlagen arbeitende Maler benutzen mit dem Motivfoto eine mediale Referenz zur Wirklichkeit zusätzlich zur Erinnerung an die tatsächliche Realität eines Ortes und konstruieren aus beidem in individuell unterschiedlichen Rezepturen ein Bild.  Mit diesem Denkmodell vergleichend, könnte man sagen, Lutz Bleidorn benutzt zwei mediale Referenzen, nämlich die Fotografien, mit denen er Erinnerungen weckt, sowie Gefühl und tatsächliche Erinnerungen an ortsgebundene Ereignisse vor der Fotoaufnahme. Letztere dienen ihm dazu, zu konkrete Bilder malend wieder zurückzudrängen, zu überlagern und mit Farben gleichsam zu verwaschen.
Einerseits ist das Malen Auseinandersetzung mit dem Materiellen der Farbe und den Fragen des Bildraums. Für Lutz Bleidorn verbindet sich dies andererseits immer auch mit einem Prozess des sich Annäherns und sich Distanzierens, weil für ihn parallel zu seiner Arbeit eben auch eine Beschäftigung mit der Erinnerung abläuft, welche die im Foto festgehaltenen Eindrücke relativiert und in Frage stellt.
Er selbst meint, dass sich letztlich ganz neue Landschaften und bis dahin unbekannte Orte auf seinen Bildern formen. Dazu trägt seine Sichtweise bei, dass Bilder zu eigenständigen Wesen werden sollen und also etwas enthalten müssen, was der Maler vorher noch nicht gewusst oder geplant hat. Anders gesagt, in dieser Aussage verbirgt sich die Erwartung, dass der Künstler nicht nur etwas produziert, sondern dass die Arbeit und ihr Ergebnis etwas mit ihm machen, seine Sicht verändern und seine Erfahrungen erweitern.

Die schwebenden Räume von Lutz Bleidorns Bildern öffnen sich wie Landschaften, horizontal gegliedert. Das Landschaftliche erreicht aber keinen Grad topografischer Identifizierbarkeit. Vagen Erinnerungen gleich, sind die Bildräume teils verstellt mit Farbflächen und -körpern. Tastend, wie beim Erstellen einer Phantombild-Zeichnung, werden bestimmte Zonen genauer - ein Hausgiebel, Bäume, eine Kirche kristallisieren sich heraus, andere Bereiche bleiben im Unbestimmten von breiten, wie tilgenden Pinselstrichen, die metaphorisch als  Bilder für Lücken und Unschärfen der eigenen Erfahrung stehen. Schwarze Linien deuten Astwerk von Bäumen an, Sonne und Mond die Tageszeiten. Daneben stehen informelle  farbige Eingriffe als reine Malerei ohne direkten Inhaltsbezug.  Gegenständliche Bezüge und rein Malerisches halten zueinander eine fragile Balance in  diesen Bildern. Man hat das Gefühl, Lutz Bleidorn befreit sich malend von den Zwängen  einer mitunter vielleicht weniger harmonisch empfundenen Realität.  Nicht von ungefähr drängen sich Verbindungen zum weiten Feld des Romantischen auf.  Düstere Töne überwiegen, der schon erwähnte Mond steht am Himmel, Stimmungen von Nebel und Regen finden sich angedeutet, die Bildtitel sprechen von Herbst, Schlaf und Morgen. Überhaupt: Der Naturbezug ist zentral. Der Mensch bleibt abwesend in diesen Szenerien, Stille entfernt die Bilder von eigenen alltäglichen Erfahrungen. Lutz Bleidorn vertritt nicht nur eine sehr poetische und bedächtige künstlerische Haltung. Als Maler stellt er sich auch bewusst neben Zeitgeistiges. Das trifft für seine Bildsprache ebenso zu wie für seine Arbeitsweise.
Parallel zu seiner Malerei entstand im zurückliegenden Jahr des Hegenbarth-Stipendiums eine 15-teilige Serie von Zeichnungen, die sogenannten "Gespenster". Hier tauchen Figuren in surrealen Umgebungen und erstaunlichen Raumverschmelzungen auf. Auch hier geht die bildnerische Arbeit aus von kleinen Geschichten und Erlebnissen, an die er sich zurück  erinnert. Er begreift das Medium der Zeichnung als Experimentierfeld und sieht sich selbst momentan als auf der Suche, wie er die Figur auch in seine Malerei integrieren kann.